Eine normale Teamsitzung heute

Eins durchschnittliche Teamsitzung in einem fiktiven kleinen Startup. Es gibt keine Hierachien, die Arbeit basiert auf Selbstverantwortung und demokratischer Entscheidungsfindung. Alle fühlen sich verbunden miteinander durch die gleichen, nachhaltigen Werte. Das Klima ist angenehmen und jeder/jede passt gut ins Team.

Peter, Maria, Jens und Luisa kommen zu einer Projektsitzung zusammen. Sie müssen entscheiden, was als nächstes zu tun ist.

Alle sind gut vorbereitet. Darauf sind sie stolz. Denn in ihrem Team gibt es keine Macher und keine Mitläufer.  Jeder von Ihnen hat schon mal vorgedacht, aus ganz persönlicher Sicht, ist aber natürlich offen für die Ideen der anderen.

Ankommensrunde

Das Meeting beginnt mit einer kurzen Ankommensrunde:

Peter erzählt von seiner neuen Freundin; Maria weist darauf hin, dass sie ihre Tage hat und Kopfschmerzen und deswegen vielleicht nicht so konzentriert mitarbeiten kann; Jens sagt, dass er wenig Zeit hat und deswegen alle schnell zu einer Entscheidung kommen müssen; Luisa geht auf Jens ein und weist daraufhin, dass sich alle die Zeit eingeplant haben und es wichtig ist, diese Entscheidung gründlich zu besprechen.

Austausch der Ideen

Jens beginnt damit seine Sicht auf das Thema vorzustellen und spricht am Ende aus, was seiner Meinung nach als nächstes zu tun ist. Peter meldet sich als zweiter und stellt nun seinerseits eine abweichende Sicht auf das Thema da und kommt deswegen auch zu einer anderen Erkenntnis darüber, was der nächste sinnvolle Schritt ist. Dann meldet sich Luisa zu Wort. Sie nimmt die Argumente von Peter und Jens auf und unterstreicht, dass sie für beide Sichten Pros und Contras finden kann. Darauf Peter: „Luisa, da hast du mich aber falsch wiedergeben. Ich meinte…“ Und Jens: „Das verstehe ich nicht Luisa, Peter hat doch…. Ich dagegen meinte doch…“

Nach einem, im Verlaufe hitziger werdendem, Hin und Her unterbricht Luisa: „Maria, du hast dich noch gar nicht geäußert! Wie ist denn deine Meinung?“ Maria: „Nun zunächst mal, finde ich, dass ihr euch gerade überhaupt nicht an unsere Regeln der gewaltfreien Kommunikation haltet. Und ich habe mich in der Tat gefragt, ob ihr überhaupt wissen wollt, was ich zu dem Thema zu sagen habe.“ Dann erläutert Maria ihre Sicht der Dinge.

Die Besprechung geht noch eine Weile weiter. Alles erinnern sich an die GFK-Regeln. Die Atmosphäre wird besser. Am Ende wurde ausführlich über die drei Vorschläge diskutiert.

Entscheidung finden

Jens: „Leute, wir sind schon über der Zeit. Wir müssen zu einer Entscheidung kommen. Was machen wir denn nun? Peter, Luisa, wie steht ihr denn zu meinem Vorschlag?“

Maria greift ein. „Ich schlage vor, dass wir alle drei Vorschlägen bewerten.“

  1. Grün= Kann voll mitgehen
  2. Gelb= Kann damit leben
  3. Rot= Kann mit der Entscheidung auf keinen Fall mitgehen

Gesagt, getan.

 

 

 

Am Ende kommt folgenden raus.

Bewertung

Vorschlag Peter

Vorschlag Jens

Vorschlag Maria

grün

XX

X

XXX

gelb

X

XXX

rot

X

X

 

Umsetzung und Engagement

Ihr könnt euch nun aussuchen, wie die Entscheidung wohl ausfällt.

Entweder wird der Vorschlag von Jens genommen, weil niemand völlig dagegen ist oder die Gruppe vertagt sich, weil es sich nicht gut anfühlt, wenn bis auf Jens selbst alle anderen mit dem Vorschlag nur leben können, ihn aber nicht voll unterstützen.

Natürlich ist die Geschichte etwas zugespitzt. Vielleicht kommt euch aber etwas bekannt vor?

Jetzt ein Beispiel, aus meiner täglichen Praxis.

Ankommensrunde

Ich habe mich im Vorfeld bewusst zu dem Thema inhaltlich nicht vorbereitet, um keine eigenen Lösungsgedanken vorwegzunehmen. Ich überprüfe gedanklich, ob ich in mir zu dem Thema irgendwelche Überzeugen wahrnehmen kann, die meine Beiträge zur Entscheidungsfindung beeinflussen könnten. Dann bringe ich mich in die passende Arbeitshaltung, von der ich glaube, dass ich damit dem Thema und dem Prozess am besten dienen kann.

Austausch des Wissens

1. Zunächst überlege ich mir, aus welchen Bestandteilen, Schichten, Aspekten das Thema für mich besteht.

2. Dann überlege ich, welches Wissen ich zu diesen Aspekten habe und ob dieses auch Grundlagenwissen ist und nicht nur auf Schemata oder Anwendungen beruht. Diese gedankliche Vorarbeit durchlaufen auch alle anderen.

3. Dann bekomme ich, wie alle anderen auch eine exklusive Redezeit, in der ich nicht unterbrochen werden darf. Ich teile:

A) mein Verständnis der Aspekte zum Thema

B) mein Grundlagenwissen zu jedem der Aspekte, bzw. Hinweise für eine Quelle, wenn ich selbst kein Grundlagenwissen finden konnte

C) meine Argumentation, warum dieses Wissen aus meiner Quelle für die Entscheidungsfindung zu dem Thema relevant ist.

4. In einem nächsten Schritt bekomme ich von allen anderen wertschätzendes Feedback zu meiner individuellen Sicht auf das Thema.

5. Danach überprüfe ich, ob ich das Wissen und die Begründungen aller anderen vollumfänglich verstanden habe. Wenn nicht, stelle ich inhaltliche Fragen. Und ich selbst beantworte die Fragen, die an mich gestellt werden. Ggf. bessere ich meine Argumentationskette nochmals nach, weil ich durch das Nachfragen noch Unsauberkeiten entdeckt habe. (So habe ich mich übrigens in meinen starken Fächern auf Klausuren in der Schule vorbereitet. Wenn ich meinen Mitschülern Fragen beantwortet habe, deckte ich dabei meine letzten Lücken auf.)

6. Dann kommt die spannendste Phase. Nun wird in einem gemeinsamen Reflektionsprozess das gesamte Wissen durchleuchtet, mit dem Ziel, die „höhere“ Wahrheit in diesem Wissen über den nächsten Schritt zu finden, der am meisten Sinn macht.

Entscheidung finden

Die Entscheidung ist gefunden, wenn am Ende dieses Prozesses die Wahrheit entdeckt wurde. Ich schreibe absichtlich entdeckt. Denn der sinnvollste nächste Schritt zu einem Thema existiert immer in jedem Moment, auch wenn wir uns mit einem Thema gedanklich noch gar nicht befasst haben. In der gemeinsamen Kollaboration gelingt es, diese Wahrheit aufzudecken.

Umsetzung und Engagement

Da alle während des Meetings immer voll angeschaltet waren, alle Beiträge verstanden haben und somit an der Aufdeckung voll beteiligt waren, fällt es nun auch jedem leicht, konkrete Aufgaben zu übernehmen, die mit dem nächsten Schritt verbunden sind.

Ich habe den Entscheidungsprozess für diesen Beitrag, verkürzt und vereinfacht dargestellt, um den Umfang nicht zu sprengen. In Wirklichkeit gibt es vor und nach der Bearbeitung des Themas noch wichtige Schritte, die die Qualität und das Commitment des Team noch drastisch erhöhen. Aber ich hoffe, das Prinzip wurde deutlich.

Deswegen können meine Kollegen und ich sagen: Von der Elaboration zur Kollaboration: Das ist die Zukunft der Teamarbeit!


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