Bis letzte Woche habe ich das zwar theoretisch schon gewusst, aber nicht verstanden, wie es funktioniert.

Wie ich bisher ein Instrument gelernt habe

Ich habe mit 12 angefangen „Heimorgel“ zu lernen und bis zum 35 Lebensjahr Keyboards in verschiedenen Bands gespielt. Seitdem nicht mehr. Dagegen tanze ich seit einigen Jahren Tango und liebe den Klang eines  Bandoneon aber auch das klassische Akkordeon. Ich hatte schon länger die Idee, wieder Musik zu machen und am liebsten Tango auf dem Akkordeon.  Ich dachte: Die Voraussetzungen sind gut. Du hast jahrelang Klavier gespielt. Die rechte Hand kannst du schon, musst also nur die linke lernen und es reicht ja vielleicht nur mal die Melodie zu spielen.

Mein Traumstück:  Oblivon von Astor Piazzolla.

Dann ergab sich die Gelegenheit. Vor ca. einem Jahr hatte eine Freundin meiner Frau ein Akkordeon geerbt.

Ich konnte es mir für einige Wochen ausborgen, um 1-2 Tangostücke darauf spielen zu lernen. Ich war sicher, länger würde es nicht dauern.

Dann war der Tag gekommen. Ich fuhr 20 Kilometer durch Berlin. Das Akkordeon lag schon bereit. Ein kleines, leichtes Hohner Student.

Voller Vorfreude geht es nach Hause. Instrument ausgepackt. Erinnerungen werden wach. Als Kind hatte ich schon mal ein ähnliches in den Händen. Erst mal die richtige Einstellung der Gurte finden. Puh, ganz schön eng. Ein paar erste Töne mit der rechten Hand. Oh, ganz schön ungewohnt, wenn die Klaviatur nicht bequem vor mir liegt, sondern um 90 Grad verdreht, kaum sichtbar. Und dann der Balg. Gar nicht so einfach, immer gleichmäßig Luft für die Töne zu erzeugen. Nach 30 Minuten ist die Euphorie deutlich gesunken und erste Zweifel kommen auf, ob das eine so gute Idee war.

OK, was tun? Vor 40 Jahren hatte ich Unterricht. Heute gibt es ja Youtube. Also ein paar Anfänger-Tutorials suchen. Die Auswahl ist groß. Natürlich finde ich keine für die kleinen Tonbereiche des Hohner Students. Macht ja nichts. Also erst einmal lernen, was es mit der linken Seite des Akkordeons auf sich hat. Recht schnell gelingt es mir eine einfache Bassbegleitung im 3-4-Takt einzustudieren. Hoffnung keimt auf. Nun einfach mit der rechten Hand dazu improvisieren. Das konnte ich schon in der Band immer gut.

Aber was ist das. Wenn ich mit der linken Hand eine rhythmische Bassabfolge spiele, dann werden die Töne der rechten Hand im gleichen Rhythmus laut und leise und manchmal kommt gar kein Ton und…

Ich kürze mal ab. Nach 2 Wochen habe ich das Projekt aufgegeben. Ich habe kein Video gefunden, dass mir irgendwie erklärt hätte, was es mit diesem Verhalten auf sich hat und wie man es umgehen kann. Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass die Mutter der Freundin das Akkordeon bis zuletzt täglich gespielt hatte, wäre ich überzeugt gewesen, das es defekt ist.

Ein neues Instrument kreuzt meinen Weg

Trotz des Rückschlages wollte ich weiterhin irgendwie wieder Musik machen. Aber eigentlich nicht mehr mit so viel Technik zwischen mir und der Musik, wie ich es inzwischen bei elektronischen Keyboards empfinde.

Vor einiger Zeit hörte ich bei einem Sparziergang durch die sonntägliche Fußgängerzone mir unbekannte Klänge. Ein wenig wie Steel Drums aber zugleich mit langen warmen Tönen. Das hat mich magisch angezogen. Dann sah ich einen jungen Mann mit etwas, wie einer fliegenden Untertasse auf dem Schoß. Eine Handpan, so weiß ich heute.

Wau, das ist mein Instrument. Rhythmus und Klang zusammen. So habe ich damals meine Keyboardsolos gespielt, weniger melodisch sondern sehr rhythmisch. Und Schlagzeug habe ich auch immer gerne in den Übungspausen gespielt.

Als ich Freunden davon erzählte wusste auch gleich jemand, wie das Instrument heißt und dann war es in Youtube schnell gefunden. Das erste, was ich gehört habe, ist auch heute noch eines meiner Lieblingsstücke.
Sam Maher   New York Handpan 01

Wie ging es weiter?

Ich hatte das Thema wieder aus den Augen verloren. Meine Freunde glücklicherweise nicht.

Sie schenkten mir zum Geburtstag einen Gutschein für einen Discovery Workshop in der Berlin handpan Akademie.

Aufregend. 6 Männer und Frauen. Sechs verschiedene Handpans. Die Sprache Englisch. Wir lernen das Instrument kennen, die Schlagtechniken, einige Zweiton-Folgen. Am Ende improvisieren wir schon zu zweit. Ein toller Workshop. Ich war angetan von dem Instrument, aber nicht so begeistert, wie ich es erwartet hätte. Letzte Woche habe ich mich dann entschieden, mir ein Instrument zu leihen, um herauszufinden, ob es wirklich das ist, wonach ich suche und wenn ja, welches ich mir dann zulegen möchte.

In die alte Falle getappt

Ich wusste durch meine Bewusstseinsarbeit der letzten Monate: Bevor du anfängst, mit einem Thema zu kollaborieren musst du dich mit dem Thema verbinden. Das gilt auch für ein Musikinstrument.

Also habe ich eine halbe Stunde, das gemacht, was ich mir darunter vorgestellt habe. Ich spürte dabei, dass ich nicht ganz bei der Sache war, weil der nächste Schritt innerlich rief. Ich wollte die kleinen Übungen, die ich in dem Workshop gelernt hatte wiederholen und ja, eigentlich wollte ich improvisieren. Und das tat ich dann auch schnell.  Aber immer wenn ich anfing zu improvisieren, hörte ich im Geiste, wie die Melodie weiter gehen sollte. Nun hat ein Handpan aber nur 8 Töne. Und die Töne die ich hörte und spielen wollte, gab es nicht.  Nach drei Tagen war ich in den gleichen Gefühlen, wie beim Akkordeon spielen. Frust kam auf. Ich suchte nach dem Flow, wie ich ihn beim Improvisieren manchmal beim Keyboardspielen erlebt hatte. Aber da war nur Leere und Lustlosigkeit.

Wie ich gestern mein Handpan kennengelernt habe

Dann kam meine Peer Group vorbei. Und einer nahm sich das Instrument und – probierte es aus. Nach kurzer Zeit kamen schöne, für mich aber völlig unbekannte und unerwartete Töne aus dem Instrument. Ich wusste sofort: er lernt das Instrument gerade kennen. Er nimmt die Architektur war, die Gesetzmäßigkeit, das Material. Er macht das, was ich eigentlich machen wollte, aber nicht getan hatte.

Wir reflektierten darüber, was ich falsch gemacht hatte. Ich hatte wiedermal nur ein Ziel vor Augen. Das wollte ich möglichst schnell auf direktem Weg erreichen. Oder anders ausgedrückt: Ich wollte dem Instrument meinen Willen, meine Art es spielen zu wollen, aufzwingen. Gestern hatte ich dann die Gelegenheit für einen Neuanfang der Beziehungsaufnahme zu diesem Handpan.

Ich habe das Instrument erforscht, tief und ausführlich, nicht so halbherzig, wie beim ersten Mal und ich hatte nur noch ein Ziel: Mit diesem Instrument in Beziehung treten. Ich wollte herausfinden, was es ist und welchen Sinn es hat. Und gleichzeitig wollte ich mich mit ihm verbinden, mit dem wer ich bin und mit dem Sinn den ich beim Spielen verfolge.

Und wau, was ich dann erlebt habe, das war ein Hammer. Ich nahm das Metal war, die unterschiedlichen Klänge, die ich erzeugen konnte, je nachdem, wo genau ich auf, über, unter oder neben den einzelnen Tonzungen schlage. Den Unterschied war, zwischen dem Schlagen mit Daumen oder Fingerglied, Fingerkuppe, Knöchel – geschlagen oder gewischt – leicht oder stark und alles dazwischen, alle Abstimmungen zwischen laut und leise. Ich konzentrierte mich darauf, welche Töne gleichzeitig miteinander oder hintereinander gespielt, welche Stimmung erzeugen. Welche harmonisch oder disharmonisch klingen.

Es war so unglaublich anders. Nach 15 Minuten spielte ich erste kleine Abfolgen. Mir wurde gewahr, dass im Flow war. Ich wollte nicht mehr aufhören.

Nach etwa 1 Stunde einer völlig neuen Erfahrung wusste ich: Du hast einen neuen Weg gefunden, ein Instrument spielen zu lernen. Und der hat nichts mit Anstrengung, diszipliniertem Üben zu tun, wie ich es gewohnt war.

Und hier ist eine kleine Kostprobe.


1 Kommentar

jonas · 12. Oktober 2018 um 6:51

Schöner Artikel. Das Soundfile und dein verwendetes Wort „Tonzunge“ sind starke Hinweise, dass Du dir eine tongue drum (mit ausgelaserten Noten) statt einer handpan/pantam zugelegt hast:).

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