Ich finde nur schwer Worte, um mein Fühlen zu beschreiben

Ich habe eine eingeschränkte Wahrnehmung zu meinem Fühlen und finde vor allem keine Worte dafür. Diese Erkenntnis ist absolut neu für mich und sehr schockierend. Denn ich war fest vom Gegenteil überzeugt.

Ich weiß seit einiger Zeit, dass ich 12 Kräfte habe, wie jeder Mensch, und dass sich jede einzelne dieser Kräfte durch ein bestimmtes Gefühl ausdrückt. Ich kann mich also ganz bewusst für ein bestimmtes Gefühl entscheiden und muss nur die passende Kraft auswählen, um dieses Gefühl zu fühlen. So schön, so gut.

Doch als ich vor kurzem gefragt wurde, wie sich eine bestimmte Kraft, die ich nutzen wollte anfühlt, konnte ich zwar Gedanken zu dem Gefühl äußern, aber nur schwer Worte dafür finden, wie die Kraft sich anfühlt. Das war sehr irritierend für mich. Denn ich war bisher überzeugt davon, dass ich ein Mann bin, der sich nicht scheut, seine Gefühle zu zeigen, und der auch darüber sprechen kann.

Wir konnte ich zu dieser Fehleinschätzung kommen?

Linkshirnig und Rechtshirnig

Als ich vor über 25 Jahren meine Karriere als IT-Projektmanager begann, hatte ich während meines Studiums und meines ersten Jobs in der Branche viel mit Menschen (vor allem Männern) zu tun, die einen technischen Hintergrund hatten, die Welt eher auf der Basis von harten Daten und Fakten betrachteten und auch ihre Entscheidungen auf dieser Grundlage fällten.

Zu dieser Zeit war die Theorie noch sehr populär, dass es zwei Arten gibt, wie Menschen ihr Gehirn benutzen: linkshirnig (rational) oder rechtshirnig (intuitiv). Es wurde damals davon ausgegangen, dass jeder Mensch eine Präferenz dafür hat, welche Seite er bevorzugt nutzt und das es Ziel sein sollte, die jeweils weniger genutzte Seite zu trainieren. Vera F. Birkenbihl war eine bekannte Vertreterin dieses Ansatzes. Es gab das klare Verständnis, dass Männer eher die linke und Frauen die rechte Gehirnhälfte benutzen. Und es war auch klar, dass in der Berufswelt die männliche Variante die sinnvollere ist. Oder anders ausgedrückt: Gefühle haben im beruflichen Kontext nichts zu suchen.

Ich begegne übrigens immer noch vielen Männern und Unternehmen, die das heute immer noch so sehen, auch wenn es viele nicht offen aussprechen würden. Auch ich selbst war bei meinen aktuellen Recherchen überrascht zu lesen, dass diese Theorie längst als überholt gilt. (Immer wieder hört man davon, die linke Gehirnhälfte sei fürs analytische und sprachliche Denken da, die rechte eher für ganzheitliches Erfassen und Intuition. Was ist dran an dieser Behauptung? (sagt z.B. Prof. Onur Güntürkün in einem Interview mit dasgehirn.info)

Ich kann über Gefühle berichten

Ich habe mich nie als einen solchen typischen Tekki verstanden. Ich hatte als Jugendlicher und Heranwachsender zwar viel mit Technik zu tun, spielte aber zugleich auch viele Jahre in einer Band und wollte ehemals Musiker werden. Außerdem verstand ich mich als moderner, emanzipierte Mann, der lernen wollte, das weibliche, emotionale Prinzip in mir zu  entwickeln, also beide Gehirnhälften zu nutzen.

Als ich Manager wurde, strebte ich den situativen Führungsstil an, der der rechten Gehirnhälfte zugeordnet wurde. Ein weiterer Grund für mein „Gehirnhälften-Training“. Im Beruf nahm ich mir Zeit für die Menschen. Ich habe den Kontakt gesucht, in den Pausen, beim Essen, nach Feierabend. Ich habe zugehört. Jede Sitzung habe ich mit einem Austausch über persönliche Themen begonnen. Ich war immer irritiert, wenn Vorgesetze oder Kunden in Meetings gleich in die Themen sprangen und für die Gefühle der Menschen keinen Raum ließen. Hinter vorgehaltener Hand habe ich erklärt, dass ich Projektmanagement aus dem Bauch mache.

In meiner Supervisionsgruppe zeigte ich meine Gefühle (in der Regel Trauer) und sprach regelmäßig über sie.  Mit meiner Frau führte ich „Zwiegespräche der Liebe“.

Ich war mir sicher, dass ich ein Mann geworden war, der die rechte Gehirnhälfte trainiert hatte und deswegen auch über seine Gefühle sprechen konnte.

Der große Unterschied: über Gefühle oder das Fühlen sprechen

Und dann erlebe ich, dass ich nicht beschreiben kann, wie sich eine bestimmte Kraft anfühlt.

Was hat das zu bedeuten?

In Gefühl steckt die Vergangenheitsform. Das was ich kann ist das Berichten über Gefühle, die in der Vergangenheit liegen, also sprechen aus der Distanz.

Darüber sprechen, was ich in einer aktuellen Situation fühle, das ist mir fremd.

Warum?

Beziehungsmanager

Weil ich ein Beziehungsmanager bin.  Was meine ich damit?

Mein Bestreben ist es in allen Beziehungen Harmonie herzustellen, im Team, in der Ehe in der Familie. Ich will nicht unvorbereitet mit Gefühlen, genauer dem FÜHLEN konfrontiert werden.

Warum?

Weil ich Angst habe vor Konflikten, denn ich weiß nicht, wie ich mit diesen umgehen soll. Die Konflikte entstehen, wenn nahe Menschen Bedürfnisse an mich richten, die ich nicht erfüllen will. Da wir in jeder Interaktion eine oder mehrere Kräfte nutzen und diese sich durch Gefühle ausdrücken, verfolge ich als Beziehungsmanager das Konzept, diese an mich herangetragen Bedürfnisse/Gefühle nicht fühlen zu wollen. Denn dann kann ich die Situation kontrollieren. Mein jeweiliges Gegenüber erlebt mich dann kalt und distanziert, oft auch herrisch und herablassend, und sich selbst machtlos, weil die Gefühle an mir abprallen.
In diesem Moment bin in doppelter Hinsicht distanziert, nicht nur von meinem Gegenüber sondern auch von meinem Inneren. So kommt es, dass ich auch meine eigenen Gefühle nicht mehr fühle und natürlich auch über das FÜHLEN nicht sprechen kann.

Die Zukunft

Inzwischen weiß ich, dass ich lernen kann, mich bewusst für ein Gefühl zu entscheiden, mit dem ich in eine bestimmte Situation hineingehen will, indem ich mich für eine meiner 12 Kräfte entscheide. Ich kann dann ausprobieren, welche Wirkungen die Kräfte und zugleich die Gefühle in der gleichen Situation haben.

Wenn ich das tue, gebe ich zugleich die Kontrolle auf, hole mein Kräfte in mein Bewusstsein zurück und kann dann auch wieder FÜHLEN und darüber sprechen.

Gut dass, ich zusammen mit meiner Peer Group zurzeit ein Trainingssystem entwickle mit dem ich genau das üben kann. Ich werde von meinen Fortschritten berichten und bin gespannt auf eure Reaktion zu meinen Erkenntnissen.


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