Die meiste Zeit meines Lebens lebte ich von einem Einkommen knapp oberhalb des „Existenzminimums“. Damit ist jetzt Schluss.

Als ich Kind war hatten meine Eltern ein kleines Unternehmen. Sie bauten recht zügig nacheinander 2 Häuser für die Familie und schafften mehrmals große Maschinen für die Firma an. Von meinem Vater lernte ich: „Schulden muss man haben, sonst bezahlt man zu viel Steuern“. Meine Mutter trug meine ganze Kindheit über zu Festlichkeiten ein und dasselbe schwarze Paillettenoberteil und Neuanschaffungen für uns Kinder waren oft ein großes Problem oder wurden abgelehnt. Das und die Klagen meiner Mutter brachte mich zu der Überzeugung, dass wir eher arm waren. Mein Vater dagegen kaufte ab und zu etwas richtig Teures. Den modernsten Hochdruckreiniger zum Beispiel. Kommt ja auch nicht so drauf an, wenn man eh schon so einen Berg Schulden hat, lernte ich dabei von ihm. Unser gefühltes Familienmotto war; „wenn wir nur mehr Geld hätten, dann wäre alles viel besser“.

Mein eigener Lebensentwurf

Mit 16 Jahren endlich ausgezogen, war ich selig nun alles selbst entscheiden zu können. Ich wollte es ganz anders machen als meine Eltern. Das war mein Vorhaben, von dem ich überzeugt war. Das wäre der Zeitpunkt gewesen mir für mich selbst ein eigenes Gelddenken und – Handeln zuzulegen. Diese Chance habe ich nicht genutzt. Ich habe noch nicht einmal einen Moment darüber nachgedacht, wie ich mit meinem Geld umgehen möchte. Ich kopierte, ohne es zu bemerken, die Vorlage, die ich bei meinen Eltern erlebt hatte. So lebte ich weiter mein Leben mit dem Grundgefühl: alles wird besser werden, wenn ich nur erst ausreichend Geld habe. Gleichzeitig definierte ich dieses „ausreichend“ nie und gab mir auch gar nicht besonders viel Mühe möglichst viel Geld zu verdienen. Die Kopie funktionierte: ich hatte, gefühlt, wenig Geld, machte immer wieder mal Schulden und ich sehnte mich nach dem Mehr.

Mehr ist besser

Damals dachte ich: wenn ich endlich mehr Geld habe muss ich nicht mehr jeden Groschen mehrmals umdrehen, bevor ich etwas kaufe! Ich kann mir auch mal etwas leisten. Mir kaufen, was ich brauche. Sogar auch mal etwas, was ich nicht unbedingt und jetzt brauche. Mir eine Urlaubsreise gönnen, eine Massage, schöne Kleidung in Öko-Qualität, Essen gehen, hochwertige Geschenke machen…und so weiter. Alle meine Sorgen wäre ich dann los. Ich wollte alles tun, um einen „gewissen Lebensstandard“ zu erreichen. Meinen beruflichen „Erfolg“ maß ich daran, wann mir meine Tätigkeit die erforderliche, vorzeigbare Geldsumme einbringen würde.  Ich schaute neidisch auf die Menschen, denen das gelang. Ich fand es ungerecht, wenn das geschah.

Die Pionier Phase

Innen drin war ich stets unzufrieden. Fragte mich, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen will. Ich wollte etwas Sinnvolles bewegen in dieser Gesellschaft. Nach einigem Suchen fand ich Menschen, die mit mir die Welt verbessern wollten. Wir arbeiteten viel dafür, „verzichteten“ nun freiwillig auf etliche Annehmlichkeiten, verdienten wenig bis gar kein Geld und sahen uns als edle Pioniere: „Der ganze Konsumwahn ist doch sowieso das Hauptübel in dieser kranken Gesellschaft“. Und trotzdem: heimlich blieb die Sehnsucht nach dem reichlichen Einkommen. Die Suche nach dem „Erfolg“. Ich phantasierte mir Szenarien, in denen ich viel Geld hatte und was ich dann damit anfangen würde. Natürlich würde ich damit Gutes in die Welt bringen, aber erstmal wäre dann ja ich dran, nach den jahrelangen „Entbehrungen“.

Luxus ist schön

Heimlich liebte ich Hotelaufenthalte mit üppigen Frühstücksbuffets und Wellnessbereich. Schließlich gönne ich mir doch sonst nix. Ich freute mich auf die Zukunft, wenn ich mir das Geld für solch einen Aufenthalt nicht mehr mühsam ansparen muss. Diese Vorstellung war eins meiner wichtigen Ziele.

Konsum ist…wenn immer etwas fehlt!

Und dann? Im Hotel saß ich mit meinem Partner beim Superfrühstück und es gab nicht zu sagen. Die Hotelnacht hatte uns auch nicht den Sex gebracht, den wir im Alltag nur noch selten hatten. Etwas fehlte und wir konnten noch nicht einmal darüber reden. Ich dachte trotzig: dass, was mir fehlt ist eine Änderung seines Verhaltens. Wahrscheinlich ging es ihm ähnlich. Es war mir nie genug. Wenn er was „richtig“ machte, dann schaute ich schon auf sein kommendes Verhalten. Wenn ich etwas kaufen konnte, stand schon das nächste auf meinem inneren Einkaufszettel. Alles konnte ständig hochwertiger werden: Kleidung, Möbel, Wohnung, Lebensmittel und natürlich auch der Partner. Schöner, besser, höher, weiter, mehr, mehr, mehr … Anscheinend gab es in meinem Leben ein Loch, welches ich nicht füllen konnte. Ist der Mangel eigentlich äußerlich, oder in meinem Inneren? – begann ich mich zu fragen.

Was brauche ich wirklich zum Leben

Inzwischen war ich beruflich an einem Punkt angekommen, an dem ich aus meiner neuen Selbstständigkeit noch kein Geld verdienen konnte und meine alte Tätigkeit aufgegeben hatte. Ich hatte nichts mehr. Zwei Jahre lang bekam ich Hilfe zum Lebensunterhalt vom Jobcenter. In dieser Zeit lernte ich Haushalten. Dabei versuchte ich herauszufinden, was ich wirklich zum Leben brauche. Es wurde mir immer klarer, dass meine Zufriedenheit nicht von außen erfüllt werden kann. Ich empfand also Mangel. Ich empfand mich selbst als unvollständig, als mangelhaft. Aua! Gibt es einen Weg aus diesem Mangelbewusstsein herauszufinden, fragte ich mich. Stimmt das denn? Bin ich wirklich mangelhaft, oder denke ich das nur? Wer bin ich eigentlich wirklich, was macht mich aus?  Ich bin froh, dass ich dafür einen Kreis von Menschen habe, die sich mit mir gemeinsam dieser Frage angenommen haben. Schritt für Schritt haben wir alle einzelnen Facetten, die unser Selbst ausmachen, enthüllt. Ach so, das kenne ich doch von mir, dachte ich dabei oft. Zum jetzigen Stand unserer Forschungsarbeit bin ich nun im bewussten Besitz eines inneren Kraftpaketes, welches mich ausmacht. Es gibt für mich keinen Mangel mehr. Ich fühle mich. Ich fühle mich vollständig. Ich mag mich so. Mir gefällt mein (wieder)-entdecktes Wesen. Ich kann jetzt mein Leben jenseits des Mangels in Ordnung bringen: Wie will ich wohnen? Wie will ich essen? Wie will ich mich bewegen? Wie und wo setze ich meine Kraft sinnvoll ein? Womit mein Geld verdienen? Zu all diesen Fragen will ich die Antworten finden, die zu mir passen. Ich mache keine Kompromisse mehr! Und ich schaue genau hin. Ich bin jetzt reich. Ich habe dieses dringende Geld-wollen verloren. Geld benötige ich nur noch für Essen, Wohnen, Kleidung und ein paar wenige Dinge mehr. Alles auf einem schlichten Niveau. Was soll ich mit Zeug, welches ich nicht nutze? Was soll ich mit Luxusartikeln? Was soll ich mit Dingen, die beweisen, dass ich mir was leisten kann? Ich passe mein Leben darauf an wer ich bin und nicht mehr darauf, wer ich dachte sein zu müssen. Und, schwupp habe ich mehr Geld als ich brauche, sowie ich mehr als 800 € Nettoeinnahmen habe. Auf diesem Einkommensniveau bin ich jetzt angekommen. Mit dem „Überschuss“ bin ich in der Lage, die Schulden abzuzahlen, die ich mir in meiner „Eltenfinanzmodellkopie“ aufgebaut habe.

Im Nachhinein kann ich sehen, dass ich regelrecht vom Geld besessen war. Das Geldthema besaß mich. Ich „konnte“ nicht davon loslassen. Für mich war Geldbesitz die einzige Möglichkeit meinen Mangel zu „beseitigen“. Nur dadurch, dass ich gefragt und gesucht habe, wer ich wirklich bin, kenne ich nun meinen Wert und meine Gestaltungskraft und habe kein Interesse mehr an Kompensation und Konsum. Mein „Existenzminimum“ bedeutet: mein Leben mit meiner eigenen Gestaltungskraft zu leben.


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